Interview mit Prof. Annette Fox-Boyer PhD über die PLAKSS-II

Prof. Annette Fox-Boyer PhD spricht Pearson über die PLAKSS-II (Psycholinguistische Analyse kindlicher Aussprachestörungen – II), über wesentliche Veränderungen des Tests im Vergleich zur Vorgängerversion PLAKSS und über besondere Erfahrungen während der Entwicklungszeit des Verfahrens.

Frau Prof. Fox- Boyer, in der 1. Februarwoche erscheint in Zusammenarbeit mit Pearson Assessment die Revision der PLAKSS, die “Psycholinguistische Analyse kindlicher Aussprachestörungen – II (PLAKSS-II)”, auf dem deutschsprachigen Markt. Welche wesentlichen Veränderungen im Vergleich zur PLAKSS gibt es, Ihrer Meinung nach, bei der PLAKSS-II?

Fox-Boyer: Zum einen ist es wirklich eine vollständige Neuauflage, d. h. das gesamte Material wurde komplett neu zusammengestellt. Es gibt viele Überschneidungen im Wortmaterial zur alten PLAKSS, aber die Wörter wurden unter ganz anderen Gesichtspunkten geordnet. Das Bildmaterial wurde vollständig neu gezeichnet. Wir hatten dafür einen professionellen Zeichner, so dass Uneindeutigkeiten im Bildmaterial aufgehoben sein sollten. Die Auswertungsbögen haben sich deutlich reduziert und vereinfacht, so dass wir hoffen, dass die Therapeuten ein klareres Gefühl dafür bekommen, was notwendig ist und was nicht.  Bei der Auswahl der Wörter habe ich sehr darauf geachtet, dass noch ganz andere Kriterien als bei der 1. Auflage eine deutliche Rolle spielen. Das betrifft vor allem die Silbenstruktur des Deutschen und die Wortbetonungsstruktur des Deutschen. Im Gegensatz zur 1. Auflage habe ich stärker darauf geachtet, das auch die Wörter dahingehend ausgewählt wurden, dass wir zentrale Prozesse, die wir in der physiologischen Entwicklung bei Kindern finden (phonologische Veränderungen) sowie auch zentrale pathologische Veränderungen mit deutlich mehr Items überprüfen können, als wir das früher konnten. PLAKSS-II ist also vom Material her noch einmal stärker an die phonologische Entwicklung und phonologischen Pathologien angepasst.

Was es vorher gar nicht gab: Es gibt von der PLAKSS-II eine hochdeutsche Hauptvariante, und jeweils eine Variante für Österreich und die Schweiz. Wenn man diese kauft, erhält man zusätzlich Aufkleber, die einfach auf die Items, die ersetzt werden müssen, geklebt werden. Die Protokollbögen sind jeweils für die eigene Sprache erhältlich. Das ist jetzt neu für die PLAKSS-II. Jeder, der mit der PLAKSS gearbeitet hat, hat sich das früher selber abgewandelt. Es gab z. B. eine Version für Österreich, von einer Kollegin von mir, die ihre Sachen ein wenig weitergegeben hat, aber das war nie über den Verlag und auch von ihr gezeichnet. Jetzt ist alles aus einem Guss. Denn der Zeichner der die PLAKSS-II gezeichnet hat, hat natürlich auch die Ersatzitems gezeichnet.

Wo sehen Sie die großen Vorteile der PLAKSS-II im Vergleich zur Vorgängerversion PLAKSS?
Fox-Boyer: Die Vorteile entstehen dadurch, dass durch die andere Wortauswahl bestimmte Dinge eindeutiger überprüfbar sind, manchmal hatten wir in der PLAKSS nur zwei, drei Items zur Überprüfung eines Prozesses, jetzt haben wir fünf, sechs, d. h. wir können viel klarer sehen, ist das eine Zufallsveränderung oder ist das eine regelhafte Veränderung, die ein Kind hier macht. Handbuch und Auswertung sind einfacher geworden, übersichtlicher, und das Bildmaterial ist eindeutiger als früher. Das sind auch die zentralen Aspekte, die mir besonders wichtig waren.

Das wirklich Besondere an der PLAKSS-II ist aber, dass wir noch mehr versucht haben in der deutschsprachigen PLAKSS-II, Wörter zu vermeiden, die sehr dialektal verändert werden. Das kann man leider nicht ganz ausschließen. Aber wir wissen eben, dass für Österreich und die Schweiz bestimmte Wörter als Zielwörter immer völlig ungeeignet waren, weil die Kinder diese ganz anders benannt haben. Also in der Schweiz ist das z. B. die Wippe, die Gigampfi, das hat einfach mit dem Originalwort im Hochdeutschen so wenig zu tun, dass das, was man überprüfen wollte, nicht mehr überprüft werden konnte.

Ich habe mit Kollegen aus Österreich und aus der Schweiz, hier zumindest für das noch dem Hochdeutschen sehr ähnliche Schweizerdeutsch in Zürich, zusammen gesessen und überlegt, welche Items ausgetauscht werden müssen, welche sich besser eignen würden und hab diese dann ersetzt, so dass man jetzt auch Versionen für Österreich und die Schweiz kaufen kann. Die südtiroler Kollegen haben gesagt, dass die österreichische Version für sie am ehesten geeignet ist. Es kann sogar sein, dass in den grenznahen Gebieten Süddeutschlands, wie Südbayern und  Südschwaben, es auch geraten sein kann sich entweder die österreichische oder schweizerdeutsche Version anzuschaffen.

Wo sehen Sie die großen Vorteile der PLAKSS-II im Vergleich zu anderen Testverfahren zur Diagnostik von Aussprachestörungen und Sprachentwicklung in diesem Bereich?

Fox-Boyer: Zum einen hat die PLAKSS-II als einziges Material einen Inkonsequenztest, der sehr wichtig ist für die Diagnostik der inkonsequenten phonologischen Störung und als Teilaspekt der Diagnostik der verbalen Entwicklungsdyspraxie. Das hat kein anderes deutschsprachiges Verfahren. Zum anderen ist der Test wirklich der einzige, der entsprechend der Normdatenlage konzipiert wurde. Die anderen Verfahren sagen in der Auswertung immer „und jetzt nehmen Sie die Normdaten aus den Veröffentlichungen von Fox dazu“, sind aber nicht auf der Grundlage konzipiert worden. Außerdem denke ich, dass einige Verfahren einen unglücklichen Fehler gemacht haben, indem sie zu einfaches Wortmaterial ausgewählt haben, so dass bestimmte Prozesse, die Kinder schon sehr früh zeigen, nicht beobachtbar sind. D. h., wir haben in diesen Tests oft nur ein- und zweisilbige Wörter, aber auch schon sehr kleine Kinder nutzen drei- bis viersilbige Wörter, an denen man auch besondere Veränderungen sehen kann, und wenn das Material diese Wörter nicht enthält oder Wörter mit diesen Strukturen, dann kann man diese Veränderungen einfach nicht beobachten.

Wo sehen Sie die hauptsächlichen Anwendungsfelder der PLAKSS-II?Fox-Boyer: Die PLAKSS wird hauptsächlich in der logopädischen/sprachtherapeutischen Praxis bei Verdacht auf das Vorliegen einer Aussprachestörung eingesetzt, kann aber auch in ihrer Screening Variante im Bereich der Prävention, z. B. bei Sprachstanderhebungen im Kindergarten oder bei den U-Untersuchungen beim Kinderarzt eingesetzt werden. Ein Protokollbogen für Letzteres ist gerade in der zweiten Probephase und wird in Kürze verfügbar sein.

Welchen besonderen Herausforderungen mussten Sie bei der Entwicklung der PLAKSS-II begegnen?
Fox-Boyer: In dem Moment, in dem der Verlag entschieden hatte, wir machen das Projekt, ist mir leider mein favorisierter Illustrator abgesprungen, weil er zu diesem Zeitpunkt, nicht mehr die Zeit hatte für dieses Projekt zu zeichnen. Wir haben einen sehr, sehr guten Ersatz in Herrn Jens Rassmus gefunden, aber im Endeffekt waren das eher kleine technische Probleme.

Das Besondere an der PLAKSS-II war das Transkribieren von Schwiizerdütsch. Netterweise haben mir jeweils zwei wichtige Menschen aus der Phonetik von der Uni Wien und von der Uni Zürich geholfen, die ganzen Protokollbögen so an die Aussprache anzupassen, dass jetzt tatsächlich die Wörter so transkribiert sind, wie sie im Schweizerdeutschen oder Zürichdeutschen und im österreichischen Deutsch ausgesprochen werden. Die Transkription der beiden österreichischen und schweizerischen Produkte hatte mir schon etwas Kopfzerbrechen bereitet, und ich bin da sehr dankbar für die Hilfe, die ich von den Kollegen aus den Ländern erhalten habe.

 

Gibt es besondere Situationen während der Entwicklungszeit, die Ihnen im Gedächtnis geblieben sind?
Fox-Boyer: Ich habe mich sehr gefreut, dass es uns gelungen ist zu zeigen, als wir die PLAKSS-II in die Anwendung gegeben haben, dass mit dem neuen Verfahren, die Kinder besser, aber nicht anders identifiziert werden als mit der PLAKSS. Eigentlich sind Dinge, die mit dem alten Verfahren sichtbar waren, jetzt noch viel deutlicher hervortreten, und die Kinder sind gut mit dem Bildmaterial zurechtkommen. Man macht natürlich immer Pilotstudien oder Pilotuntersuchungen mit Kindern, um zu gucken, wie kommt das Bildmaterial an, aber das macht man nicht mit endlos vielen Kindern. Und wenn man das Material dann in den Probelauf gibt, um mit der neuen PLAKSS-II in verschiedenen Einrichtungen, in verschiedenen Regionen Deutschlands ungefähr 140 Kinder zu testen und dann zu sehen, dass die Kinder das Material mögen, dass sie gut mit den Bildern zurecht kommen und die Befunde einfach nur noch klarer als sie vorher waren – das war einfach eine schöne Situation. Ansonsten hat jede Testentwicklung oder jede Publikation Phasen, in denen man den Test oder das Manuskript nicht mehr sehen kann. (lacht)

 

Was fanden Sie persönlich in der Entwicklungsphase der PLAKSS-II besonders bemerkenswert?
Fox-Boyer: Eigentlich gab es nichts sehr besonderes mehr – bis auf das Transkribieren von Schwiizerdütsch. Der Rest war eher Routine. Dadurch, dass ich so lange in diesem Gebiet jetzt schon arbeite und die PLAKSS-I ja auch ein-, zweimal leicht verändert wurde, gab es jetzt nicht so einen besonderen Moment.

 

Gibt es etwas, was (neue) Anwender der PLAKSS-II unbedingt beachten müssen?
Fox-Boyer: Sie sollen das Handbuch lesen. (lacht) Also ein Problem ist wirklich, wenn das Handbuch nicht gelesen wird, und sich nicht mit den Prozesstypen vertraut gemacht nicht. Dann kann es zu Fehlern kommen. Aber das gilt halt für alles. Ich kann auch keinen Herd bedienen, wenn ich das Handbuch nicht gelesen habe, außer er hat nur einen Schalter für an und aus und eine Herdplatte. Ich glaube, dass es nicht zu  Anwendungsfehlern kommen kann, wenn man sich einfach an die Spielregeln hält.

Es ist einfach so, wenn man etwas Neues anwenden möchte, vor allen Dingen ein Instrument, das eine Diagnose stellen muss, die andere Menschen betrifft, hat man die ethische Verantwortung, mit Material korrekt umzugehen.
Wenn ich meinen neuen Herd falsch bediene und mein Essen brennt an, ist das mein persönliches Problem. Aber hier geht es einfach um ein Diagnoseinstrument. Da trage ich eine therapeutische Verantwortung für meinen Patienten und habe auch die ethische Verpflichtung das gut zu machen. D. h. mein Material zu kennen, was bedeutet, man sollte sich das vorher durchgelesen haben, was im Handbuch steht. Aber das ist nichts ungewöhnliches, finde ich.

Die Auswertung hat sich vereinfacht – es gibt aber keine 100 % korrekte Auswertung, das liegt in der Natur der phonologischen Prozesse. Man kann nicht immer zu 100 % entscheiden, ist es jetzt eher das oder das. Aber es ist auf jeden Fall möglich, auch wenn man sich nicht immer bei jedem Wort einig ist, das Regelsystem zu erkennen oder eben das nicht existente Regelsystem zu erkennen und dafür braucht es keine 100-prozentige Übereinstimmung von zwei Bewertern. Ich sehe eigentlich keine Anwendungsprobleme, zumal wir jetzt auch schon die ersten Erfahrungen in der Pädiatrie machen, also mit Leuten, die in diesem Bereich eigentlich gar nicht vorgebildet sind. Und auch hier zeigt sich, dass mit dem PLAKSS-II Screening in vereinfachter Form gut gearbeitet werden kann. Es würde mich also wundern, wenn es zu Anwendungsfehlern kommt.

 

Die PLAKSS hat sich zu einem der Standardverfahren in der Diagnostik von Aussprachestörungen bei Kindern entwickelt. Worauf sind Sie bei der PLAKSS/PLAKSS-II am meisten stolz?

Fox-Boyer: Dass ich es offensichtlich geschafft habe, ein Material zu produzieren, das die Anwender als hilfreich empfinden – sonst hätte  es sich ja auch nicht so verbreitet – und dass die ersten Anwender auch jetzt in der neuen Version sagen, PLAKSS-II ist übersichtlicher geworden. Mich freut eigentlich immer, wenn die Dinge, die ich mache, auch Anwendung finden und wenn die Anwender mir rückmelden, das ist gut, damit können wir gut arbeiten.

 

Zur deutschen Version der PLAKSS-II >>>

Zur österreichischen Version der PLAKSS-II >>>

Zur schweizer Version der PLAKSS-II >>>

Psycholinguistische Analyse kindlicher Aussprachestörungen - PLAKSS-II


Psycholinguistische Analyse kindlicher Aussprachestörungen – PLAKSS-II (© Pearson Assessment & Information GmbH)

Ein Gedanke zu “Interview mit Prof. Annette Fox-Boyer PhD über die PLAKSS-II

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