Sprachentwicklungsdiagnostik

Die Sprachentwicklungsdiagnostik steht insbesondere vor der Herausforderung zwischen der individuellen Variabilität im Zuge des Spracherwerbs und ersten Anzeichen einer Umschriebenen Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache (UESS) zu differenzieren. Grundsätzlich ist eine gezielte Überprüfung des Sprachstandes immer dann erforderlich, wenn Kinder aufgrund der Empfehlung durch eine Institution (z. B. den Kindergarten) oder aufgrund der Besorgnis enger Bezugspersonen bezüglich der Sprachentwicklung vorstellig werden.

Die Entscheidung, ob ein Förder- bzw. Therapiebedarf besteht, und wenn ja in welchem Umfang, wird häufig erstmalig im Zuge der U8 getroffen, da die sichere Diagnose einer UESS in der Regel erst am Ende des dritten Lebensjahres gestellt werden kann. Schwere Formen von Sprachentwicklungsstörungen lassen sich aber bereits im Alter von zwei Jahren feststellen. Demnach wird sowohl von kinderärztlicher als auch sprachtherapeutischer Seite eine evidenzbasierte Diagnostik gefordert, durch die auch Risikokinder ab einem Alter von zwei bis drei Jahren identifiziert werden können.

Vor dem Hintergrund der Heterogenität von Sprachstörungen und der Abhängigkeit der Symptomatik vom Alter der betroffenen Kinder gestaltet sich die Diagnostik von UESS entsprechend komplex. Für eine leitliniengerechte Diagnostik ist eine informelle Erfassung der sprachlichen Fähigkeiten daher nicht ausreichend. Stattdessen wird der Einsatz von psychometrischen Testverfahren zur Erhebung von Sprachverständnis und -produktion auf verschiedenen Sprachebenen empfohlen, welche um die Beobachtung des Sprachverhaltens und den Bericht der Eltern über die Spontansprache und die Sprachentwicklung des Kindes ergänzt werden.

Spontansprachanalysen

Zur Beurteilung der verbalen und nonverbalen Kommunikation eines Kindes in alltagsnahen Situationen wird eine Spontansprachanalyse erhoben. Kinder mit UESS können im diagnostischen Erstgespräch beispielsweise dadurch auffallen, dass sie keine Reaktion auf sprachliche Aufforderungen zeigen oder verstärkt nonverbale Kommunikationstechniken nutzen. Erste Anzeichen für einen eingeschränkten Wortschatz können das Sprechen in kurzen, einfachen Sätzen und das Vermeiden von schwierigen grammatikalischen Strukturen sein. Darüber hinaus können vermehrt Fehler in der Produktion und Verwendung von Lauten (z. B. Auslassungen, Vertauschungen) als auch Fehler in der Lautbildung (z. B. Lispeln) auftreten.

Standardisierte Elternfragebögen

In den ersten drei Lebensjahren erschweren die stark variierenden Entwicklungsverläufe des Spracherwerbs die Abgrenzung zwischen normaler und von der Norm abweichender Sprachentwicklung u. a. im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen. Standardisierte Screenings gelten hier als Mittel der Wahl. Diese Verfahren beinhalten Wortschatzlisten, in denen die Eltern ankreuzen sollen, welche Wörter das Kind spricht; zudem wird nach der Grammatikentwicklung gefragt. Bei einem auffälligen Ergebnis wird von einer Sprachentwicklungsverzögerung (SEV) gesprochen, welche ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer UESS bedeutet, jedoch nicht mit ihr gleichgesetzt werden darf.

Standardisierte Sprachentwicklungstests

Ergänzend zu der Beobachtung des Sprachverhaltens und der Einschätzung der Eltern zur Spontansprache müssen die expressiven und rezeptiven sprachlichen Fähigkeiten eines Kindes überprüft werden. Besonders zu beachten ist in diesem Zusammenhang, dass eine Einschätzung der sprachlichen Leistungen auf allen Ebenen der Sprache (phonetisch-phonologisch, lexikalisch-semantisch, morphologisch-syntaktisch und pragmatisch) erfolgen sollte, da sich UESS in unterschiedlichen Sprachbereichen ausprägen können. Hierzu wird der Einsatz von standardisierten und normierten Testverfahren empfohlen, die besonders im Vor- und Grundschulalter die Methode der Wahl darstellen.

Für die Entscheidung, ob Förder- bzw. Therapiebedarf besteht, stehen in der Testdiagnostik allgemeine und spezifische Sprachtests zur Verfügung. Allgemeine Sprachtests überprüfen die sprachlichen Fähigkeiten eines Kindes auf verschiedenen Ebenen und ermöglichen so, den Sprachstand umfassend einzuschätzen. Spezifische Sprachtests hingegen ermöglichen eine differenzierte Überprüfung eines ausgewählten Sprachbereichs, wie z. B. des Wortschatzes. Zur Überprüfung aller sprachlichen Bereiche im Rahmen der Diagnostik sollten umfassende Sprachtests verwendet werden, deren Untertests alle oder mehrere linguistische Ebenen abdecken. Bei Durchführung der Testung müssen Kontextinformationen und Hinweise durch nonverbales Verhalten (Gestik und Mimik) vermieden werden.

Differenzialdiagnostik

Zur Vergabe der Diagnose einer UESS müssen solche Störungen ausgeschlossen werden, die die Sprachproblematik verursachen können (u. a. Hörstörungen, neurologische Erkrankungen, Intelligenzminderung). Zum Ausschluss von Intelligenzminderung sollten insbesondere nonverbale Intelligenzverfahren zur Erfassung der kognitiven Fähigkeiten Anwendung finden. Als etabliertes Verfahren im deutschsprachigen Raum ist hier besonders die Wechsler Nonverbal Scale of Ability (WNV) zu nennen.

Die Diagnostik komorbider Störungen sollte zudem klären, ob Aufmerksamkeitsprobleme, expressive Verhaltensstörungen, emotionale Probleme oder Defizite im Bereich der Fein- oder Grobmotorik oder im Lesen und Rechtschreiben bestehen.

Fazit für die Praxis

Sprachentwicklungsdiagnostik basiert auf dem Einsatz von Testverfahren, deren Kern die Überprüfung aller sprachlich relevanten Bereiche bildet. Hierbei sollte zur Einschätzung des Sprachstands eines Kindes im frühen Kindesalter auf standardisierte Elternfragebögen, im Vor- und Grundschulalter auf evidenzbasierte Testverfahren zurückgegriffen werden. Zudem müssen für die Vergabe der Diagnose UESS nach der ICD-10 bzw. in Zukunft nach der ICD-11 eine Vielzahl von möglichen Ursachen für die sprachlichen Defizite differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden.

Literatur

1. Suchodoletz, W. von (2011). Früherkennung von umschriebenen Sprachentwicklungsstörungen. Wann und wie? Zeitschrift für Kinder- und Jungenpsychiatrie und Psychotherapie, 39, 377-385.
2. Egert, F. & Hopf, M. (2016). Zur Wirksamkeit von Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Kindheit und Entwicklung, 25, 153-163.
3. Ptok, M., Kühn, D., Jungheim, M., Schwemmle, C. & Miller, S. (2014). Leitliniengerechte Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen. HNO, 62, 266-270.
4. AWMF (2013). Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen (SES) unter Berücksichtigung umschriebener Sprachentwicklungsstörungen (UESE). AWMF-Leitlinien Register Nr. 049-006. http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/049-006.html. Zugegriffen: 09. März 2018.
5. Suchodoletz, W. von (2013). Sprech- und Sprachstörungen. Göttingen: Hogrefe.
6. Siegmüller, J. (2013). Kompensierter Dysgrammatismus. In S. Ringmann & J. Siegmüller (Hrsg.), Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen. Schuleingangsphase (S. 103-132). München: Elsevier.
7. Fox-Boyer, A. (2014). Aussprachstörungen im Deutschen. In A. Fox-Boyer (Hrsg.), Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen. Kindergartenphase (S. 41-54). München: Elsevier.
8. Kany, W. & Schöler, H. (2014). Merkmale und Ausschlusskriterien einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung (SSES). In A. Fox-Boyer (Hrsg.), Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen. Kindergartenphase (S. 89-100). München: Elsevier.
9. Petermann, F. (Hrsg.). (2014). Wechsler Nonverbal Scale of Ability (WNV). Frankfurt/M.: Pearson.

Weiterführende Literatur
• Melzer, J., Rißling, J-K., Lehmkuhl, G. & Petermann, F. (2018). Sprachentwicklungsdiagnostik. Monatsschrift Kinderheilkunde, 2, 159-168.
• Petermann, F. Melzer, J. & Rißling, J.-K. (2016). Sprachdiagnostik im Kindesalter. Göttingen: Hogrefe.


Autorin: Dr. Jessica Melzer, M. Sc. Psychologie
Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Diagnostik der Universität Bremen; Schwerpunkt: Sprachförderung und Sprachdiagnostik bei Kindern im Vor- und Grundschulalter

 

 

 

 

 

 

 

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